e-Boosting
durch
Mainfranken

#001 – Wheels

Männer sind meist technikaffin. Das ist kein Geheimnis und ich bin keine Ausnahme. Als das Angebot reinkam, einen BMW i8 zu testen, musste ich folglich nicht erst überredet werden. Vor allem, da keine akribische Wertesammlung sondern freies Genießen auf dem Programm stand. 

Als der i8 2009 erstmals (und noch als 'Vision Efficient Dynamics') der Öffentlichkeit präsentiert wurde, reichte deren Reaktion von Grandios bis Verrückt. BMW stellte nicht nur eine unerwartet spacige Designstudie auf die Bühne sondern auch die hubraum-hechelnde Sportwagenwelt auf den Kopf. Ein Plug-in-Hybridler mit gerade mal drei Zylindern, anderthalb Litern Hubraum und einem Elektromotor? In einer derart dynamischen Karosserie?
Das gab es noch nie und die Studie hob das Image der E-Mobilität über Nacht auf ein ganz neues Niveau. Während andere Hersteller noch damit beschäftigt waren, Batterieantriebe testweise in vorhandene Serienmodelle zu basteln, schuf BMW mit dem i8 ein völlig neues Fahrzeugkonzept.

SCIENCE
FRICTION

Dessen betörendes Design – gepaart mit der zukunftsweisenden Technologie – schlichtweg magnetisch wirkte. Elektroantrieb war auf einmal cool und durchaus begehrenswert. Dann behaupteten die Münchner auch noch, der Wagen ginge 2013 und vor allem praktisch unverändert in Serie. Was damals natürlich kein Mensch glaubte. Aber das haben die tatsächlich umgesetzt. Mit 231 PS aus dem Benzin- und nochmal 131 PS aus dem Elektromotor, sprich 362 PS Gesamtleistung. Von Null auf 100 in knapp viereinhalb Sekunden und bei 250 Sachen zwangsgedrosselt. Die anfängliche Panik der Speedfans war also völlig unbegründet.
Dementsprechend groß war meine Freude, dieses Hightech-Designwunder bei herrlichem Wetter nach Mainfranken entführen zu dürfen. Also, Flügeltür auf und so elegant wie möglich rein in den schwarzen Bolliden. Eine gewisse Sportlich- oder zumindest Gelenkigkeit ist dabei durchaus hilfreich. Sollte man (am besten unbeobachtet) ein, zwei Mal üben. Schon allein, um sich nicht durch hexenschussartiges Ins-Auto-Fallen zu blamieren. Hinter dem Lenkrad fühlt man sich sofort bestens aufgehoben. Die Sportsitze schmiegen sich perfekt an den Körper an und sind langstreckentauglich bequem. Die relevanten Instrumente sind zum Fahrer orientiert, das Head-up Display auch bei Sonneneinstrahlung prima ablesbar. Das Raumangebot ist natürlich beschränkt, auf den vorderen Sitzen aber alles gut.

Erstmal Autobahn. Viel Verkehr, Baustellen, wenig freier Auslauf. Macht aber gar nichts, denn gerade die turbinenartige Beschleunigung – egal aus welcher Geschwindigkeit – ist atemberaubend. Also immer wieder zurückfallen lassen und dann volle Lotte vorwärts. Macht süchtig.
Auch der (digitalen) Vertonung wegen: beim Beschleunigen kernig mit einem Schuss Turbine, beim Runterschalten autoritär böllernd. Vor allem letzteres lenkt den Blick des Vordermanns automatisch in den Rückspiegel. Signalisiert laut und deutlich die Anwesenheit einer lauernden Raubkatze. Derartiges Überholprestige braucht der i8 eigentlich gar nicht. Aufgrund schierer Neugier wird man sowieso nach vorne durchgereicht. Alle wollen mehr sehen, die Smartphones werden La-Ola-mäßig gezückt.

BEHIND
THE
WHEEL

Der i8 klebt förmlich auf der Straße und lässt sich dank des cleveren Allradantriebs und brachialer Bremsen bei jedem Tempo sicher bewegen, auch ohne Rennlizenz. Trotz verbrauchsorientiert recht schmaler Bereifung landet die geballte Motorkraft vehement auf dem Asphalt. Ein kleiner Wehmutstropfen ist allerdings der rasante Abfall der eBoost-Power bei – sagen wir mal – dynamischer Fahrweise. Dann ist ein bisschen Cruisen (so mit 160 Sachen) angesagt, um die Batterie durch Energierückgewinnung beim zum Beispiel Bremsen wieder aufzuladen. Geht wortkonform im Sport Modus am schnellsten.
Überhaupt, selbst mit dem optionalen 42-Liter Tank hält sich die Reichweite in Grenzen. Sollte man es schaffen, gaaanz vernünftig zu fahren, lassen sich mit drei Ladesessions etwa 680 Kilometer erreichen. Was einem Verbrauch von ungefähr 6,5 Litern entspricht. Ich habe 11,5 Liter verblasen und war glücklich dabei. Macht man(n) ja nicht alle Tage und ein bisschen Spaß muss sein. Da hat Roberto Blanko vollkommen recht. Wer sich ein Auto für round about 150 Tausend gönnen kann, wird den Verbrauch auch eher nicht als wichtigstes Kaufkriterium einordnen. Der i8 will spielen gehen bzw. rennen. Und ich bin überzeugt, dass er sonst krank wird :-).
Auf den herrlich geschwungenen Landstraßen rund um Sommerach und Nordheim wird jeder Kilometer zum Genuss. Schaltpaddel links, um an mehr oder weniger parkenden Wohnmobilen vorbei zu huschen. Paddel rechts, um wieder für Ruhe im Motorraum zu sorgen. Der i8 saugt sich in jede Kurve, katapultiert seine knapp 1,6 Tonnen über die Geraden. Ganz locker und very, very sophisticated. Aber stopp: Ortschild. Fuß vom Gas und lautlos majestetisch an der sich automatisch bildenden, durchweg faszinierten Zuschauerschaft vorbeigleiten. 
Zeit für eine erste Pause im Weinreich Sommerach. Don´t drink. Just drive. Heute also keine kleine Weinprobe. Wäre in Anbetracht der heiteren Gruppe radelnder Damen auch gar nicht konzentriert möglich gewesen. Scheinbar durch die Bank wohlhabend verheiratet, war für sie ein Sportwagen per se nichts Erstaunliches. Aber vom Motorsound, genauer gesagt dem fehlenden, waren sie hin und weg. Und die Flügeltüren... oh là là. Kurz: meine Getränkewünsche fielen unter den Wagen und ich bin ausgebüchst.
Das Divino in Nordheim rechts liegen lassend erstmal auf die Fähre rüber ins beschauliche Escherndorf, Heimat der weltberühmten Lage 'Lump'. Vielleicht doch ein kleiner, frischer Silvaner im Schatten? Nein, brav bleiben.

POINT
OF
INTEREST

Angesichts 34 Grad Außentemperatur gar nicht so einfach für einen Weinliebhaber. Der Schaulustigen mittlerweile etwas überdrüssig, freute ich mich zunächst über die leere Mainfähre. Aber nix da. In letzter Sekunde rollte ein höchst redseeliger Macanbesitzer an Board und schaffte es, die gerade mal drei Minuten Überfahrt mit gefühlt 500 technischen Fragen zu füllen. Ohne auch nur eine einzige Antwort abzuwarten. Wohl aus Zeitnot. Den i8 findet er wirklich klasse, das kam kurz vor dem Anlanden raus. Seine bessere Hälfte nickte wohlwollend.
Nach kurzen Abstechern zu den Weingütern Horst Sauer und schräg gegenüber Rainer Sauer ging es hoch zur Vogelsburg mit ihrem herrlichen Ausblick über die Weinberge und den Main. Dankbar über die effiziente Klimaanlage und ganz entspannt im Comfort Modus dahin fliegend, kam mir die Idee, dem bis dahin fantastisch anpassungsfähigen Fahrwerk etwas gröberen Untergrund zu füttern. Und bei der Gelegenheit auch mich zu füttern, denn ich hatte ein bestimmtes Ziel im Kopf: Schloss Hallburg oder besser die Vinothek des Grafen von Schönborn.
 
Eigentlich wie erwartet steckte der i8 auch die holterdipoltrige Waldstraße dorthin locker weg, behielt auch zügig bewegt stets die Contenance. Im Gegensatz zu mir. Ich konnte dem idyllischen Ambiente endgültig nicht mehr widerstehen und begoss den Ausflug mit einem Glas Secco.

CIN
CIN

 
 
Chris Weinland
 
06.2018