Sail away
with Sheila
Polaris!

#002 – Timeout

Ich hatte Sheila Rietscher als Marketingleiterin von KAHLA Porzellan kennengelernt. Sie war damals schon Wassersportlerin, aber noch fest an Land in Thüringen verankert. Eine kleine Funkpause und zack, nennt sie sich Sheila Polaris und ich sehe sie in den sozialen Netzwerken fast nur noch auf den sieben Weltmeeren rumgondeln. Was ist passiert? Woher kommt der Name? Fragen über Fragen, die beantwortet werden wollen, also definitiv Zeit für ein Interview. Dann mal los, Sheila!

SHEILA / Vielleicht ist die Sehnsucht nach dem Meer ja größer, wenn man weit weg vom Wasser wohnt? Ich habe wie schon erwähnt elf Jahre für KAHLA gearbeitet und deren coole Porzellanprodukte vermarktet. Ich habe die Aufgabe auch sehr geliebt. Aber ich hatte ebenso lange den Traum, den viele träumen: auf Weltreise zu gehen. Länder entdecken, die auf der anderen Seite des Globus liegen. Indonesien, Vietnam, Vanuatu, Fidschi, Tonga, Neuseeland – da wollte ich hin. Es war immer klar, dass Wassersport beim Reisen eine Rolle spielen würde. Wie extrem diese Rolle werden würde, ahnte ich damals nicht.
Nachdem ich schon das Tauchen, Kitesurfen, Sportkatsegeln und Wellenreiten ausprobiert hatte, entschied ich eines Abends sehr spontan, an einer Segel-Ausbildung teilzunehmen. Ich entdeckte die Segelschule Sigurd Koch mitten in Jena und meldete mich zum SKS-Schein an, also dem Zertifikat zum Führen von Segelyachten im Küstengewässer. Während der Ausbildung erfuhr ich von einem Schiff, das sich gerade auf Weltumsegelung befand und bewarb mich als Crewmitglied. Dumm nur, dass das Schiff, eine Hanse 47 namens SV Polaris, schon in Bali war und gen Westen segelte. Daher übrigens auch mein 'neuer' Nachname. Also musste ich erst einmal um den ganzen Globus segeln, um dorthin zu kommen, wo ich eigentlich hin wollte: in den Pazifik. Es war das Abenteuer meines Lebens. Ich klemmte mir unser rutschfestes Geschirr 'Magic Grip' unter den Arm und zog erst einmal für acht Monate auf das Schiff. Mein Job pausierte in der Zeit. Eigner des Schiffs war Michael Haufe, der Gründer der Teamgeist AG, mit dem ich später auch das Buch 'Die Teamgeist-Story' schrieb.

GM / Du bist offensichtlich eine leidenschaftliche Seglerin und Taucherin geworden. Was berührt Dich so am Open Water?

FIDSCHIS
GALAPAGOS
TONGA

SHEILA / In der Tat! Ich habe mich während meiner Weltumsegelung auch zur Tauchlehrerin ausbilden lassen. Für mich ist es das Logischste und Natürlichste auf der Welt, das Meer zu lieben. Unser Planet besteht aus wesentlich mehr Wasser als Land. Die Unterwasserwelt bietet so viel Inspirierendes, Mystisches, Unerforschtes, Lebendiges. Lebewesen, die weder Pflanzen noch Tiere sind. Formen und Farben, an denen sich Designer und Filmschaffende bedienen. Wer nicht taucht, verpasst es, unseren Planeten in seiner gesamten Schönheit wahrzunehmen. Ich hatte das große Glück, vor den entlegensten Inseln tauchen zu können. Christmas Island, Fernando de Noronha, Fidschi, Tonga, Galapagos. Destinationen, die man idealerweise mit dem Segelboot auskundschaftet.

GM / Seitdem hast Du unzählige Seemeilen auf Deinem Konto, bist praktisch um die Welt gesegelt. Hast Du mitgezählt, wie viele Tage und Meilen Du schon auf dem Meer verbracht hast?

SHEILA / Ich darf mich heute Weltumseglerin nennen und gehöre damit zu einer eher seltenen Spezies. Die Polaris und die folgenden sechs Schiffe, auf denen ich als Crewmitglied mitgesegelt bin, nahmen fast alle an der World ARC Rally teil – eine Rally für Cruiser, die ihre Schiffe selbst steuerten und mit Freunden und Familienmitgliedern um die Welt segelten. Die Weltumsegelung, wenn man nicht wie ich für ein Buchprojekt pausiert, dauert 16 Monate. Man segelt wie Thor Heyerdahl mit dem Südäquatorialstrom und den Passatwinden in Äquatornähe gen Westen. Wenn man am Ausgangspunkt St. Lucia in der Karibik wieder ankommt, hat man ungefähr 26.000 Seemeilen absolviert. Die längste Zeit, die wir kein Land gesehen haben, war 22 Tage lang auf der Passage von Galapagos nach Französisch-Polynesien, genauer von Santa Cruz nach Hiva Oa. Ich war zu der Zeit auf einem Katamaran mit chinesischen Eignern und hatte viel Komfort, ab und zu einen Thunfisch an der Angel und stabilen Wind. Es war eine unkomplizierte Ozeanüberquerung.
GM / Begrenzter Raum, verschiedenste Charaktere an Board, tagelang unterwegs. Ein guter Nährboden für 'Cabin Fever'. Wie gehen die Crews damit um? Gibt es irgendwelche Präventivmaßnahmen oder Regeln? Oder ist das Glückssache?

SHEILA / Gern behaupte ich, dass jeder eine Land- und eine Seepersönlichkeit hat und sich diese beiden sehr unterscheiden können. Wer seekrank wird, sich einsam fühlt, sich langweilt, Angst bekommt oder sich nicht gut in Crews integrieren kann, kann an Bord eine harte Zeit haben. Ich hatte viel Glück mit den Menschen an Bord. In Michael Haufe habe ich einen echten Seelenverwandten gefunden, einen Freund fürs Leben. Nur zweimal habe ich das Schiff gewechselt und Einladungen von anderen Schiffeignern angenommen. Einmal musste ich mir nach vier Monaten eingestehen, dass die Kulturunterschiede zwischen dem chinesischen Eignerpaar und mir zu groß waren, um die Reise in vollen Zügen zu genießen. Ein anderes Mal hatte ich Sicherheitsbedenken, als die Crew zu einem zwar erfahrenen, aber nicht ganz gesunden Kapitän, einem absoluten Rookie und mir zusammen schrumpfte. Diese Bedenken waren im Nachhinein nicht gerechtfertigt, aber mein Schiffswechsel brachte mich in Kontakt mit neuen bezaubernden Abenteurern und Erlebnissen. Man muss schon viel Empathie, Anpassungsfähigkeit und Coolness mitbringen, um mit all den Charakteren und Nationalitäten segeln und Spaß haben zu können. Aber ein Kaffee, Tee oder Rum haben schon viele wieder versöhnt. Eines muss jedes Crewmitglied aber akzeptieren können: Der Skipper ist der Skipper ist der Skipper. Sein Wort zählt. Er trägt die Verantwortung. Ich habe oft gedacht: Wir Menschen gehören nicht in diese geradlinigen Betonklötze, die wir uns bauen. Wir sind Wesen der Natur, genau wie die Delfine, die auf unserer Bugwelle herumsprangen.
GM / Es muss wunderschön sein, nachts auf dem Deck zu liegen, die Sterne zu bewundern und dem Gluckern unter dem Boot zu lauschen. Was geht Dir in solchen Momenten durch den Kopf?

SHEILA / Diese Frage tut ein bisschen weh. Allein die Erinnerung entfacht soviel Sehnsucht, dass ich am liebsten sofort wieder losziehen würde. Die Nachtwachen, in denen ich allein im Cockpit war, das Plankton glitzerte, der Mond aufging, selten einmal Frachtschiffe über Funk grüßten, fliegende Fische auf die Luken platschten oder erschöpfte Tölpel an Deck Platz nahmen, die Sternbilder vorbeizogen, während die weißen Segel in der Dunkelheit das Boot Richtung Horizont trugen, waren magische Stunden, die nur schwer in Worte zu fassen sind. Ich glaube gar nicht, dass ich viel nachgedacht habe. Ich war so glücklich mit der Gegenwart, dass ich mich weder mit der Vergangenheit noch mit der Zukunft beschäftigen wollte. Aber ich war auch überwältigt von der Schönheit unseres Universum und ich wünschte mir, diese Gefühle teilen zu können. Mit all den Landratten, die ich nicht mitnehmen hatte können.

SO
GLÜCKLICH

GM / Welche Aufgaben übernimmst Du am liebsten an Board?

SHEILA / Ich stehe sehr gern am Steuer. Es ist ein großartiges Gefühl, mit dem Wind, den Wellen, der Strömung und den Segeln zu spielen, den idealen Kurs und Windwinkel auszutesten, und Herr über 20 Tonnen Segelyacht zu sein. Aber ich muss auch zugeben, dass ich an Bord eine Leidenschaft für das Fischen und Kochen entwickelt habe. In einer schaukelnden Kombüse auf zwei Gasflammen ein leckeres Menü für sieben hungrige Matrosen zu zaubern, ist manchmal eine Herausforderung. Vor allem, wenn die frischen Lebensmittel langsam rar werden. In Mauritius deckte ich uns mit zahlreichen neuen Gewürzen ein, wovon wir noch im Atlantik profitierten.

GM / Wo hast Du bisher die stürmischste See erlebt?

SHEILA / Südlich von Madagaskar, auf dem Weg von Île de la Réunion nach Richards Bay in Südafrika, ist es stets sehr holprig. Zwei Tage lang steuerte Michael die Polaris per Hand. Der Autopilot konnte uns nicht mehr helfen. Vierzig Knoten, knapp 80 km/h Wind und acht Meter hohe Wellen machten normales Segeln und Leben an Bord unmöglich. Insgesamt war der Indische Ozean der lebendigste.
 
GM / Packt einen in solchen Situationen nicht doch mal die Angst?

SHEILA / Echte Angst um mein Leben oder meine Gesundheit hatte ich nie. Es gab Situationen, in denen ich mich um das Schiff sorgte. Da half es mir, klare Kommandos zu erhalten und in die Lösung des Problems involviert zu werden. Auf Rarotonga (Cookinseln) mussten wir einmal fluchtartig den Hafen verlassen, als unser Anker das Schiff nicht mehr hielt und wir von 30 Knoten Wind und Welle auf die Kaimauer gedrückt wurden. Ich löste die letzte Leine, die uns noch festhielt, half beim nächtlichen Navigieren, als unser Kartenplotter ausfiel und kümmerte mich bis in die Morgenstunden um das Beiliege-Manöver und ließ die anderen schlafen. Müde war ich in der Nacht nicht. Da war wohl doch ein bisschen Adrenalin im Spiel.

GM / In welchen Revieren hat es Dir bisher am besten gefallen? Und warum?

SHEILA / Der Südpazifik, das James Cook-Revier, ist für mich der spannendste Ozean. Die vielen abgeschiedenen, freundlichen Völker, die Gesänge der Polynesier und Maoris, die unberührte Natur, die gesunden Riffe, das Türkis der Atolle und das Weiß der Strände brennen sich tief in das Herz eines jeden Seglers ein.
GM / Wie hast Du Deine Reise finanziell gestemmt?

SHEILA / Ich habe natürlich gespart, bevor ich losgezogen bin. Das Segeln selbst hat mich kaum belastet. Ich hatte mit den verschiedenen Kapitänen unterschiedliche Arrangements. Einmal beteiligte ich mich am Lebensmitteleinkauf, ein anderes Mal übernahm ich meine Rally-Gebühren selbst und manches Mal war das Mitsegeln komplett frei, weil das Schiff dringend Crew benötigte und ich wichtige Services übernehmen konnte. Viel Geld habe ich für das Tauchen ausgegeben, vor allem auf Galapagos, wo ich unbedingt Hammerhaie sehen wollte.

GM / Haie gehören auch zu meinen Lieblingstieren. Live habe ich leider noch keinen erlebt. Du schon oft! Wie ist es, zwischen diesen faszinierenden Tieren zu tauchen? Ein schaurig schönes Erlebnis?

SHEILA / Haie sind keineswegs schaurig oder beängstigend. Sie sehen Taucher nicht als Beute und sind oft sogar scheu, wenn man ihnen zu nahe kommt. Wenn ein Hai in trübem, aufgewühltem Wasser einen Surfer mit einer Schildkröte oder einer Robbe verwechselt, ist das ein unglücklicher Zufall. Ich bin in Fakarava, einem Atoll nördlich von Tahiti, mit 500 Riffhaien, Grauhaien und Langnasenhaien getaucht. Ich war denen völlig egal.
Speerfischen sollte man dort allerdings nicht. Das Fischblut weckt den Appetit und schon ist man seinen Fang und im Zweifel auch den Speer wieder los. Auf Fidschi gibt es bei Beqa eine Tauchschule, die Bullenhaie vor den Augen von Tauchern mit Thunfischköpfen füttert. Das ist ein wahres Spektakel, aber auch ein zweifelhaftes Vergnügen. Haie sollten nicht daran gewöhnt werden, dass Menschen ihnen Nahrung verschaffen.

GM / Du hast ein eigenes Buch geschrieben. Wie kam es dazu? Und wo können wir es kaufen?

SHEILA / Im indischen Ozean schrieb ich zahlreiche Reiseblogs. Michael mochte den Stil und fragte mich, ob wir gemeinsam eine Reisedokumentation verfassen wollen. Bücher von Weltumseglern hatte ich zur Genüge gelesen. Ich fand etwas anderes viel bewegender: Michael erzählte mir in den vielen Monaten auf See von seinem Leben. Wie er als Zehnjähriger – wohlgemerkt in der DDR – von einer Weltumsegelung träumte. Darüber, wie er Surfbretter aus den Verpackungen alter Fernsehapparate baute, sich selbst das Surfen beibrachte und doch nie damit auf die Ostsee durfte. Darüber, wie er einen 15-Jahresplan schmiedete, um die DDR zu verlassen. Einzig, um auf dem Meer segeln und surfen zu können. Bis er seinen Traum im Alter von 43 Jahren als Familienvater und Chef eines Unternehmens wahr machte. Mehr verrate ich jetzt nicht. Wir haben 'Die Teamgeist-Story' selbst verlegt und es ist online bestellbar.
GM / Welche Tipps hast Du für Segelinteressierte?

SHEILA / Einfach ausprobieren! Man kann sich in Törns einbuchen, zum Beispiel im Mittelmeer. Ein sehr beliebtes Revier ist Kroatien. Wer weiter weg will, googelt einmal nach Törns in der Karibik. Dann kann man sehen, ob man das Bordleben und das Segeln mag. Ein Freund von mir bietet unter Mitsegeln Saarow kleine Segeltörns auf einer Hochseeyacht auf dem Scharmützelsee an. Auch auf der BOOT-Messe in Düsseldorf findet man viele spannende Angebote von Vercharterern, Reiseagenturen und Segelschulen.

EINFACH
AUSPROBIEREN!

Der nächste Schritt wäre, mit den Kursen anzufangen, an Skippertrainings teilzunehmen, als Crewmitglied Erfahrungen zu sammeln und Verantwortung zu übernehmen. Dafür gibt es verschiedene Onlinebörsen und Facebook-Gruppen. Wenn man einmal in den Fuß in die Community der Segler gesetzt hat, gibt es extrem viel zu lernen und zu entdecken. Wer lieber gleich selbstbestimmt segeln möchte, aber noch keine Erfahrung hat, kann innerhalb von wenigen Tagen eine Ausbildung auf einem Hoby- oder Topcat-Katamaran machen und einmal spüren, was es bedeutet, sich mit zwei Segeln fortzubewegen.

GM / Was rätst Du angehenden Tauchern?

SHEILA / Der Open Water-Kurs ist der beste Kurs, den man machen kann. Viele Urlaubsdestinationen bieten die Grundausbildung zum Taucher für 350 bis 550 Euro an. Sie dauert 3-4 Tage und das Zertifikat ist ein Leben lang gültig. Mit dem Schein kann man bei jeder Tauchschule anklopfen und sich in Tauchgänge einbuchen oder Flaschen leihen und mit einem Buddy in einem vertrauten Revier selbst losziehen. Wer mehr wissen möchte, findet Informationen bei PADI oder SSI, den zwei größten zertifizierenden Organisationen. Ich liebe Indonesien zum Tauchen. Vor allem die Liveaboard-Touren nach Komodo bieten eine spektakuläre Vielfalt an Tauchplätzen.
GM / Kommen wir zu einem wichtigen, wenn auch traurigen Punkt: Du bist eng vertraut mit dem von Erdbeeben erschütterten Lombok, kennst viele Menschen dort. Es muss schrecklich sein, die inneren Bilder dieses Paradieses von den Nachrichten überschattet zu sehen. Und vor allem natürlich die Sorge um Freunde und Bekannte. Was können wir tun, um zu helfen?

SHEILA / Ich sorge mich jeden Tag um die Menschen in Lombok. Ich kenne einige Familien persönlich, die ihre Häuser verloren haben und habe bereits etwas Geld gespendet, um die Not durch den Verdienstausfall zu lindern und die Erstversorgung zu unterstützen. Ich habe Freunde – Tauchlehrer vor Ort – die Spenden sammeln, Lebensmittel, Zelte, Decken einkaufen, Transporte organisieren und selbst mit anpacken. Besonders aktiv und effizient ist das Trawangan Dive Center, das eine Kampagne auf der kostenlosen Seite Gofundme aufgesetzt hat. Hier könnt Ihr helfen.
GM / Du bist jetzt wieder in Deutschland, also mit festem Boden unter den Füßen. Bist Du auch wieder in Amt und Würden?

SHEILA / Nach meiner Auszeit von zweieinhalb Jahren war es an der Zeit, wieder einmal klassisch zu arbeiten. Ich hatte nie den Komplettausstieg geplant. Ich wollte die Welt entdecken und das habe ich ausgiebig getan. Mit KAHLA hatte ich schon vorher meine Rückkehr vereinbart und darf heute diverse Wassersportmessen besuchen, um unser Seglerporzellan 'On Tour' zu vermarkten. Natürlich ist die Sehnsucht nach dem Meer riesig und ich suche noch nach dem perfekten Modell, beide Welten enger zu verknüpfen :-).

SEHNSUCHT
NACH MEHR
MEER

 
 
Chris Weinland
 
09.2018