Die Wolnys
in Tokio

#001 – Timeout

Petra und Richard Wolny sind liebenswürdig aufgeschlossen, rechtschaffen kreativ und hinreißend umtriebig. Während Petra offensichtlich erfolgreich für den Sozialverband VdK grafisch gestaltet, widmet sich der Werbetexter und PR-Fachmann Richard am – vermuten wir – liebsten dem professionellen Verkosten von Olivenöl. Unter anderem als zertifiziertes Mitglied des Deutschen Olivenöl Panels für die Biofach. Petra und Richard und ihr 'Studio Wolny' gehören fest zum Lokalkolorit Nürnbergs und ihre Reise nach Tokio war uns selbstredend ein Interview wert. 

GM / Bevor wir inhaltlich nach Japan reisen: Was verbirgt sich hinter der wunderbaren Emailadresse trinken@studiowolny.de?
 
RICHARD / Zusammen sind Petra und ich das Studio Wolny und bieten eine mobile Cocktailbar sowie Musik von Vinyl an (Northern Soul, Brazil Rare Groove, Boogaloo und deutsche sowie internationale Schlager von 1950 bis 1980). Wir legen in verschiedenen Clubs in Nürnberg auf und bisweilig auch auf privaten Parties oder Kochveranstaltungen. Die Cocktails sind größtenteils Eigenkreationen abseits des Mainstreams. Der Drink 'Aal Grün' wurde sogar von der Spielwarenmesse als einer der Toy Cocktails prämiert.
GM / Ich freue mich über jedes Eurer erfrischenden Bilder in den Netzwerken. Wie würdet Ihr Euren durchaus uniquen Stil beschreiben?
 
RICHARD / Cool old stuff. Wir setzen originelle Fotos in der Regel schwarz-weiß aus der Mitte des letzen Jahrhunderts in neue Kontexte. Manchmal mit Bezug zur Tagesaktualität oder zur Saison. Oft tragen dann die Cocktails passende Namen.
 
GM / Woher rührt die Affinität für diesen Stil, diese Zeit und Musik?
 
RICHARD / Es sind Erinnerungen aus unserer Jugend und das Bekenntnis, nicht langweilen zu wollen. Außerdem versuchen wir, vergessene Schätze der Pop-Kultur aus Film, Musik oder Fernsehen einem interessierten Publikum zu präsentieren.

WER
RASTET
DER
ROSTET

GM / Wer sind Eure großen Vorbilder? Als Kinder, Jugendliche und heute?
 
RICHARD / Sendungen aus dem TV wie 'Wünsch dir was', oder Serien wie 'Jason King' oder 'Die Zwei'. Hildegard Knef, Marlene Dietrich, Frank Zappa, David Bowie, Miles Davis, André Heller, Grace Jones. Also Menschen, die sich als Gesamtkunstwerk inszeniert haben. Heute ist es schwieriger. Musikalisch haben uns in letzter Zeit bestimmt Sharon Jones and the Dapkings sowie Charles Bradley beeindruckt (beide leider schon verstorben).
 
GM / Was wolltet Ihr als Kinder werden?
 
RICHARD / Reisender und rasender Reporter.

PETRA / Nun zuallererstmal so stark sein wie Pippi Langstrumpf. Ansonsten Kinderbuchautorin und -illustratorin oder freischaffende Künstlerin.
 
GM / Was war Euer bester 'Move' bisher?
 
RICHARD / Uns in der ersten Lebenshälfte zu finden und für zehn Jahre nach Berlin auszuwandern. Abstand macht den Kopf frei und erweitert den Horizont. In der zweiten Lebenshälfte bestimmt ein Projekt wie das Studio Wolny ins Leben zu rufen. (auch weil man ständig neue Menschen trifft, an spannenden Events teilnimmt und immer etwas los ist. Wer rastet, der rostet :-).

PETRA / Abgesehen natürlich von der Entscheidung, aus Berlin nach Nürnberg zurückzukehren und – die beste aller Entscheidungen – Eltern zu werden.
GM / Ihr wart vor kurzem mit Hannah in Tokio. Wart Ihr schon mal da oder wie kam es zu der Idee?
 
PETRA / Unsere Tochter Hannah hat vier Monate in Japan als Ski-Lehrerin gearbeitet (bäääm!) und sich dann noch zwei weitere Monate das Land angesehen. Richard war als Olivenöl-Verkoster schon dort. Also lag es nahe, dass ich diese Stadt auch mal kennenlerne. Und so haben wir die erneute Einladung Richards als Olivenölverkoster genutzt und sind alle drei dort hin. Richard allein, Hannah und ich zusammen mit Pekingaufenthalt. Hannah konnte mir die große Stadt und die wichtigsten Hot-Spots in der kurzen Zeit gut zeigen. Die letzten beiden Tage haben wir dort dann noch gemeinsam verbracht.
 
GM / Wie lange wart Ihr dort? Das lokale Angebot an besuchenswerten Orten, Läden, Clubs ja vermutlich für viele Wochen Urlaub?
 
PETRA / Acht Tage haben gereicht, alle wichtigen Zentren in dieser Megastadt zu besuchen und die Vielfalt zu erleben. Richard hatte noch die Chance einen Akt in einem alten Kabuki-Theater in Ginza zu sehen, was stark an Kurosawa-Filme erinnert, auch wenn man kein Wort versteht. Und natürlich haben wir das Paradies für Vinylfreaks genutzt und ordentlich Platten eingekauft. Hannah und ich waren tagsüber shoppen in Harajuku, Kultur bewundern in Ginza und Asakusa. Besuch des weltgrößten Tsukiji-Fischmarktes, Essen gehen, Sake-Bars besuchen...
GM / Habt Ihr Euch mit Sprachkurs, Literatur oder sonstigem vorbereitet? Und wart Ihr dann auch wirklich vorbereitet für die vermutliche Reizüberflutung?
 
RICHARD / Wie gesagt, Hannah war ein super Guide, ein Reiseführer war also dabei. Ansonsten die Menschen sehr hilfsbereit und rücksichtsvoll. Man gewöhnt sich an die Reize und es gibt auch sehr ruhige Ecken. Und ein paar Brocken Japanisch sind schnell gelernt. Der am häufigsten genutzte Satz in diesem Land ist sowieso 'arigatiou gozaimasu', denn die Japaner bedanken sich immer und zu jedem Anlass mit 'vielen Dank'.

ARIGATO
GOZAIMASU

GM / Gab es reisebürokratische Hürden?
 
RICHARD / Ich glaube eher beim Tagesvisum für Peking, die Einreise nach Japan ist schnell erledigt, die Kofferkontrollen auch moderat. In Peking hatten Petra und Hannah auf der Hinreise 7 Stunden Aufenthalt, die sie natürlich sinnvoll nutzen wollten. Allerdings muss man schon etwas Geduld mitbringen. Sie brauchten ca. eine Stunde, ehe sie es schafften den Flughafen mit einem 24-Stunden Visum zu verlassen. Aber es lohnt sich. Auf dem Rückflug hatten sie sogar noch doppelt soviel Zeit und nahmen erneut ein 24-Stunden-Visum. Es kostet zwar wiederum eine Stunde Zeit, aber die Visa sind kostenlos. Sie konnten dann in aller Ruhe mit der U-Bahn zur Verbotenen Stadt fahren, sich viel von Peking ansehen und abends noch auf den Foodmarket gehen, der sich auf alle Fälle lohnt. Der Rückflug ging erst um 2.00 Uhr nachts weiter, so dass man ganz entspannt einen Abend in Peking verbringen kann. Allerdings sollten wir sofort vor dem Kulturschock warnen: Nach einer Woche japanischer Höflichkeit und Zuvorkommnis, trifft man in Peking auf das genau Gegenteil.
GM / Was habt Ihr unternommen?
 
PETRA / Sicher ist Essen gehen ein Muss, bei der Vielfalt und Qualität, ein Highlight war der Besuch einer Sake-Bar, bei der man den Aufenthalt bezahlt und dann aus ca. 30 Spitzen-Sake wählen kann. Da haben wir auch sehr anhängliche Japaner getroffen, die aufgrund des Sakes gar nicht  mehr zurückhaltend waren. Es war lustig und unvergesslich. Tagsüber haben wir alle möglichen Stadtviertel abgeklappert, haben verschiedene Gärten, Schreine und das Moma (Museum of modern Art) besucht, waren auf Buch- und Plattenmärkten und -läden und auf Secondhand-Märkten. Es geht mit der U-Bahn in Tokio alles relativ schnell und entspannt. Allerdings empfiehlt es sich vor dem ersten Tokiobesuch, sich etwas genauer mit dem U-Bahn-System zu befassen und sich die Ausgänge einzuprägen. Tokio ist größer, als man sich vorstellt!
GM / Was hat Euch am meisten beeindruckt?
 
RICHARD / Die gute Organisation trotz der Größe der Stadt. Die Rücksichtnahme, die Sauberkeit und die starken Kontraste. Auch das Kapselhotel, in dem Richard zwei Nächte war, ist eine einmalige Erfahrung. Und komfortabler als man denkt. Der Fischmarkt ist einer der größten der Welt. Drumherum buntes Treiben und die frischesten Fische in bester Sushi-Qualität. Drinnen Meeresgetier, das man noch nie gesehen hat. Selbst in Shibuya mit der angeblich weltgrößten Straßenkreuzung auf der pro Ampelschaltung geschätzt 2.000 Menschen die Straße überqueren, herrscht keine Hektik und gegenseitige Rücksichtnahme. Petra hat u.a. sehr beeindruckt, wie sauber und modern hier auch die öffentlichen Toiletten sind. So sauber findet man sie in Deutschland eigentlich nirgends.
GM / Knapp 9einhalb Millionen Einwohner. Kommt man sich da nicht winzig klein und etwas verloren vor? Muss doch heftig laut und eng sein?
 
RICHARD / Laut Wiki leben in der Region sogar über 30 Millionen! Es empfiehlt sich die Rush Hour zu meiden, die schon um 5:30 beginnt. Ansonsten fahren die Bahnen in extrem kurzen Abständen und sind äußerst preiswert. Niemand drängelt, denn es gibt spezielle Systeme, wie man sich anstellt um einzusteigen und alle Passagiere halten sich daran. Es gibt natürlich Bilder, in dem Angestellte der U-Bahnen Passagiere in die Wagons drücken, aber dies haben wir nie erlebt, weil wir sicher als Urlauber zu anderen Zeiten gefahren sind. Die Pünktlichkeit ist ein weiterer Punkt. Es ist eng und laut und bei einem Schrein wiederum total ruhig. Es gibt sowieso viele sehr ruhige Straßenzüge in Tokio, was man bei solch einer Millionenstadt gar nicht erwartet.
GM / Wie wurdet Ihr von den Locals angenommen? Gibt es traurige oder lustige Vorurteile gegenüber Deutschen/Europäern?
 
PETRA / Deutsche sind sehr beliebt, da man glaubt, wir seien ähnlich. Was aber in Bezug auf Sauberkeit, Umgangsformen und Pünktlichkeit nicht stimmt. Da müssen wir uns ein Beispiel nehmen. Und wenn man nach dem Weg fragt, dann lässt ein Japaner schon mal seinen Gesprächspartner stehen und geht mit einem zu der Adresse, auch weitere Wege. Ansonsten trinken alle gerne nach Feierabend, oft etwas zu viel.

GM / Wie sähe für Euch ein perfekter Trip nach Tokio aus? Mit wem würdet Ihr fliegen? Wo würdet Ihr wohnen? Wo würdet Ihr essen, feiern, was besichtigen und besuchen?

RAMEN
RAMEN
RAMEN
& MATCHA

PETRA / Richard wegen Beinfreiheit und Kürze des Flugs mit Finnair über Helsinki. Wohnen in Shinjuku, das ist zentral, hat aber ruhige Flecken und ist sehr urban. Essen in preiswerten Automatenrestaurants und dort, wo man am Tisch selbst zubereiten kann. Und immer Ramen, Ramen, und Ramen, besonders nachts als Stärkung. Die Running-Sushi-Bars gibt es natürlich auch zahlreich. Da muss man sich einfach auf sein Bauchgefühl verlassen. In der Regel ist dort der Fisch allemal frischer und besser zubereitet als bei uns in Deutschland. Besuchen würden wir Bars in denen der Chef mixt und zwischendurch Vinyl auflegt. Und natürlich Teehäuser, wo echter Matcha zubereitet wird. Sumo-Ringen fehlt auch noch, ist aber schwierig. Der Flug mit Chinese Airlines über Peking dauert etwas länger, ist aber mit am günstigsten. Wenn man rechtzeitig bucht, kann man schon Flüge für um die 400 Euro (aufwärts) bekommen.

GM / Tokio ist angeblich keine sooo günstige Stadt. Was braucht man so zum Spaß haben am Tag?
 
RICHARD / Das ist ein Vorurteil: U-Bahn, 10 Stationen 2,50 €. Ramen im günstigen Restaurant um die 8 € – und das hält vor. Sake in der klassischen Sake-Bar, das Glas um die 4,50 €. Ein Bier etwas teurer als bei uns, insgesamt günstiger als vermutet. Hotels um die 50 Euro aufwärts. Capsule noch günstiger in zentraler Lage. Der Shuttle zum Flughafen Narita (75 Minuten) kostet 30 Euro, manchmal direkt zum Hotel. Hannah und Petra haben in einem sehr schönen klassischen Hotel in Shinjuku übernachtet. Räumlich zwar nicht groß aber super-sauber. Täglich gab es einen frischen Schlafkimono, Pantoffeln mit der Bitte, sich diese gerne mit nach Hause zu nehmen und natürlich alle wichtigen Hygieneartikel wie täglich frische Zahnbürste usw. Das ganze für umgerechnet ca. 80 Euro das Doppelzimmer. Shinjuku liegt sehr zentral, das Hotel lag direkt neben einer U-Bahn-Station und in Shinjuku gibt es viele schöne Bars und Restaurants.
GM / Richard, Du hast zwei Nächte in einem Capsule Hotel geschlafen. Unter Klaustrophobie sollte man darin nicht leiden, oder?
 
RICHARD / Keine Angst, die Röhre ist ca. 2,5 Meter lang, die Deckenhöhe mehr als ausreichend. Für zwei Nächte 88 Euro, alles blitzblank, große Duschkabinen, ein Package mit Handtüchern, Zahnpasta und -Bürste sowie Schlafanzug. Zur nächsten S-Bahn zwei Minuten. Perfekt und super stylish. Kann ich nur empfehlen!
 
GM / Einen Abstecher nach Peking habt Ihr auch gemacht. War das nach Tokio nicht ein ordentlicher Culture Clash?
 
PETRA / War es! Vor allem, was den Umgang angeht. Peking ist auf alle Fälle sehenswert, was die Chinesische Mauer, die Verbotene Stadt, Foodmarkets etc. anbelangt. Aber gerade wenn man aus Japan anreist und sich an der wirklich überragend feinen und höflichen Art der Japaner erfreut hat, fällt es schwer, den etwas rauhen und nicht immer sehr zuvorkommenden Umgang der Chinesen hinzunehmen. Hier zählt nur die engste Familie und du als Fremder wirst eben gelitten. Hier haben wir weniger Freundlichkeit erlebt, obwohl Peking ja laut der Operette von Franz Lehar 'Das Land des Lächelns' sein soll. Viel Kontrolle, viel Aufsicht und irgendwie ist man immer bemüht, nichts Falsches zu machen.
Während die Japaner alle sehr geschmackvoll gekleidet und gestylt sind, fällt auch hier auf, dass die Chinesen da noch weit hinterher sind. Verstärkend kam auf der Rückreise hinzu, dass man uns am Flughafen kaum behilflich war, als wir unseren Rückflug verpasst hatten (wir konnten noch nicht mal etwas dafür, aber das ist eine längere Geschichte). So durften wir weitere 24-Stunden die 'Gastfreundschaft' des chinesichen Volkes genießen. China und auch Peking sind sicher spannend und haben kuturell viel zu bieten. Wohler gefühlt haben wir uns auf alle Fälle in Japan. 

AUF
ALLE FÄLLE
JAPAN

 
 
Chris Weinland
 
06.2018