One Picture
Stories

#001 – Timeout

'Der Einfluss von unzähligen Filmen, von Literatur, Geschichte und Pop-Kultur trifft auf die Lust einer Zweckentfremdung, d.h. die Lust daran, die Dinge neu zu erzählen oder genauer: anders.' Sagt Frank Nikol selbst über seine Bilder. Und da anders nicht selten besser ist und wir sowieso schon seit Jahren hochamüsierte Fans des Künstlers sind, war es an der Zeit, dem wohnhaften Hamburger ein paar Fragen zu stellen.

Zuvor eine Portion Fakten: Frank Nikol wurde 1957 in Diepholz geboren. 1979 bis 1989 studierte er Geschichte, Philosophie und Pädagogik an der Universität Hamburg. Von 1982 bis1989 folgte eine Ausbildung zum Illustrations-und Kommunikationsdesigner an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Seit 1989 arbeitet er als freier Zeichner und Illustrator für Presse, Verlage und Werbeagenturen. Unter anderem für Die ZEIT, den Stern, Spiegel und Rowohlt-Verlag, das Magazin der Süddeutschen Zeitung, Mare, Playboy und Jung von Matt). So, muss reichen. Wir legen los:
GM / Herr Nikol, wie kommt ein studierter Historiker, Philosoph und Pädagoge zur Illustration?

NIKOL / Ursprünglich wollte ich Gymnasiallehrer werden, idealerweise in der Kombination Kunst, Geschichte und Philosophie, aber nach ein paar Semestern hat sich bei mir dann doch die Lust am Zeichnen durchgesetzt und ich bin zunächst an die Kunsthochschule gewechselt, dann an die Fachhochschule für Gestaltung.

ROLLEN
SPIEL

GM / Hatten Sie schon als Kind das Talent fürs Zeichnen? Was war Ihr damaliger Berufswunsch?

NIKOL / Ob ich als Kind schon das Talent hatte, weiß ich nicht, vor allem habe ich viel gezeichnet. Meine Mutter, die Modedesign studiert hatte, stattete uns Kinder mit allen möglichen Zeichenstiften und Papierrollen aus einer Druckerei aus. Sie hatte uns eine Art Staffelei gebaut, auf der eine Platte stand mit einer Metallschiene am oberen Rand, durch die wir das Papier von der Rolle zogen. Immer wenn eine Zeichnung fertig war, konnten wir das Papier entlang der Schiene abreißen und dann neues nachziehen. So konnten wir endlos weiterzeichnen und ich bin mir nicht sicher, ob es diese Rolle gab, weil ich so viel gezeichnet hab oder ob ich soviel gezeichnet hab, weil es diese Rolle gab. Auch wenn ich damals noch nicht wusste, was ich genau werden wollte, dass es etwas mit Kunst zu tun haben sollte, das hatte ich da schon im Kopf.

GM / Wohnen Sie in Ihrem Atelier oder arbeiten Sie zuhause?

NIKOL / Ich arbeite zuhause. Im Gegensatz zu den malenden Kollegen brauche ich als Zeichner ja glücklicherweise nicht viel Platz.
GM / Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

NIKOL / Wenn nicht ein akuter Auftrag den gesamten Tag belegt, dann beginnt der Tag häufig mit der Durchsicht der Ideen und Skizzen des Vortags. Halten die Einfälle noch das, was sie im ersten Entwurf versprochen haben? Danach kommt die Zeit des Zeichnens, des Umarbeitens und der Digitalisierung. Zwischendurch, aber häufig auch abends und auch noch nachts, arbeite ich an neuen Ideen.

GM / Was zeichnen Sie am liebsten? Portraits, Cartoons, ...?

NIKOL / Am liebsten sind mir die Zeichnungen für mein Projekt 'Als wir noch Surrealisten waren'. Im Gegensatz zur Illustration kann ich hier auch den Text schreiben und nutze gern die Möglichkeit, dabei mehr auszuprobieren, als es die klassischen Cartoon-Konventionen erlauben.

GM / Wie kam es zur Auswahl Ihrer Portraits? Sind das Auftragsarbeiten?

NIKOL / Das ist gemischt. Einige sind im Auftrag entstanden, zum Beispiel für das ZEITmagazin oder den Playboy, andere sind eher 'Fingerübungen'.
GM / Die One-Picture-Stories aus Ihrer Blog-Serie 'Als wir noch Surrealisten waren' sind für mich jedes für sich kleine Meisterwerke. Wie kamen Sie auf die Idee?

NIKOL / Als Jugendlicher hatte ich mal eine Zeit lang Filmfotos aus Zeitschriften ausgeschnitten und dann Sprechblasen mit eigenen 'surrealistischen' Texten in diese Fotos montiert. Diese Idee hatte ich vor ein paar Jahren wieder ausgegraben und auf dieser Basis eine Geschichte gezeichnet und geschrieben, die von einem, natürlich fiktiven, Surrealistenkongress im Barcelona des Jahres 1935 erzählte. Die Arbeit ist leider liegen geblieben, aber aus der Methode ist dann das Projekt 'Als wir noch Surrealisten waren' entstanden.

ALS WIR
NOCH
SURREALISTEN
WAREN

GM / Ihr Referenzliste ist so lang wie beeindruckend und vielfältig. Die Zeit, Mare, Jung von Matt, um nur drei zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Druck um, praktisch auf Knopfdruck kreativ zu sein?

NIKOL / Der Druck ist in einem solchen Job ja nichts Ungewöhnliches. Eigentlich ist es sogar so, dass ich ihn brauche, um zu Ideen zu kommen. Wenn ich bei einem Auftrag ausnahmsweise einmal mehr Zeit habe als üblich, dann lass ich sogar Zeit verstreichen, bis der nötige Druck da ist.

GM / 1992 und 1996 Spezialpreise des internationalen Satyrykon-Wettbewerbs in Legnica, Polen. 1997 Auszeichnung beim deutschen Preis für politische Karikatur 'Mit spitzer Feder' in Stuttgart. 2010 erster Preis beim internationalen Cartoon-Wettbewerb im Kunst- und Kulturzentrum Monschau. Und noch einige mehr. Welcher Preis bedeutet Ihnen am meisten?

NIKOL / Ehrlich gesagt, bedeuten mir Preise nicht so viel. Sie sind natürlich eine schöne Anerkennung, aber für die Arbeit haben sie eigentlich kaum Bedeutung, jedenfalls in meinem Fall.
GM / Wo und wie schöpfen Sie Inspiration?

NIKOL / Das ist eine Frage, die ich mir selbst auch ab und zu stelle. An manchen Tagen fällt mir auch nach Stunden der Arbeit nichts ein und dann gibt es Momente, da habe ich eine Idee nach der anderen. Ich hab mich schon häufig gefragt, was die idealen Bedingungen für die Ideenfindung sind. Herausgefunden habe ich es bis heute nicht. Ich weiss nur, dass bei mir ein Zustand der Aufmerksamkeit irgendwo in der Mitte zwischen Konzentration und Zerstreutheit die beste Vorraussetzung ist. Klappt natürlich auch nicht immer.

GM / Mit welchem Malwerkzeug/Material arbeiten Sie am liebsten? Warum?

NIKOL / Ich arbeite eigentlich am liebsten mit einem ganzen Ensemble an Stiften und Pinseln. Dabei sind diverse Marker und auch sogenannte Leerstifte, die man mit selbstgewählten Tuschen oder Tinten füllen kann, z.B. Acryltusche. Ich liebe diese Stifte vor allem, weil sie in Kombination mit Pinseln einen relativ flüssigen Zeichenstil erlauben.
GM / Ihre Cartoons und Illustrationen sind nicht nur zum Umfallen lustig, sondern haben teilweise auch eine gesellschaftskritische Note. Steckt da ein durchdachtes Konzept dahinter oder haben Sie einfach diesen wunderbaren (schwarzen) Humor?

NIKOL / Diesen Humor hab ich wohl schon immer gehabt. Eine gesellschaftskritische Absicht verfolge ich mit den Zeichnungen eigentlich nicht. Mir ist klar, dass die eine oder andere Zeichnung  eine kritische Perspektive hat, aber im Grunde geht es mir um die  Umkehrung von Gewissheiten, und die Lust und auch die Arbeit dabei ist Bild-Text-Kombinationen zu finden, die unerwartete Blicke auf Bekanntes werfen und einen manchmal seltsamen neuen Sinn produzieren. Insofern folgen die Zeichnungen zum 'Als wir noch Surrealisten waren'-Projekt tatsächlich so etwas wie einem Konzept. Ausgangspunkt sind hier alte Filmstills, denen ich durch einen eigenen Text, entstanden aus einer Art projizierendem 'Lippenlesen', einen neuen narrativen Kontext gebe. Diese 'One Picture Stories' erzählen dann natürlich ganz andere Geschichten, als die Filme, aus denen die Stills stammen. Als Kind war ich ein TV-Nerd und habe im Fernsehen jede Menge Filme gesehen. Vielleicht ist diese Art der zeichnerische Aneignung von Filmfotos auch der Versuch einer Art ironischen 'Korrektur' der prägenden Filmgeschichten meiner Jugend.
GM / Wer sind denn IHRE Vorbilder? Welche Künstler haben Sie am meisten beeinflusst?

NIKOL / Vorbilder habe ich keine, aber wenn es um Einflüsse geht, da müsste ich eine lange Liste von Künstlern nennen. Dabei wären sicher die Surrealisten, dann, um eine 'Traditionslinie' zu nennen, die Comics der Situationisten, aber auch der Cartoonist Glen Baxter oder z.B. die französische Zeichnergruppe 'Bazooka' und viele mehr!

GM / In welchen Netzwerken sind Sie unterwegs? Im echten Leben und digital?

NIKOL / Im echten Leben bin ich eher zurückgezogen, aber man findet mich natürlich in den digitalen Netzwerken. Dort habe ich neben meinen beiden Websites den Blog 'Als wir noch Surrealisten waren'. Auch bin ich natürlich auf Facebook und Instagram zu finden. Überall gibt es da so viele großartige KollegInnen, da möchte ich niemanden herausheben.
GM / Verkaufen Sie Ihre Bilder oder zumindest Kunstdrucke? Falls ja, wo?

NIKOL / In der Regel verkaufe ich die Abdruckrechte an den Zeichnungen an Zeitungen und Magazine, aber gelegentlich auch Originale oder Prints, dann zumeist über meine Website.

GOOD
BUY

GM / Möchten Sie die Gelegenheit nutzen, jemanden (dankend) zu erwähnen?

NIKOL / Das mache ich lieber persönlich. Diejenigen, die es betrifft, wissen es auch.

GM / Kaffee oder Tee? Bier oder Wein? Fisch oder Fleisch? Haben Sie abschließend ein paar Hamburgtipps für uns? Wohin gehen Sie am liebsten?

NIKOL / Zuhause bin ich in Hamburg im Schanzenviertel. Kaffee trinkt man hier am besten im Kaffeekontor » in der Schanzenstrasse und wenn man im Viertel essen gehen möchte, dann ist man z.B. im Carmagnole » in der Juliusstraße an der richtigen Adresse. Ein wunderbares Programmkino gibt es hier auch, das 3001 », in dem man Besonderes jenseits des Mainstreams sehen kann.
Neue Werke, kommende Ausstellungen und sonstiges Interessantes über und rund um Frank Nikol findet Ihr auf seinen (unten genannten) Websites und Social Media Profilen. Ein bisschen Schmunzeln hat bekanntlich noch keinem geschadet... ;-)
Einige One-Picture-Stories findet ihr übrigens in der Dauerausstellung der kleinen Weinbar Prinz 5 » am Prinzregentenufer in Nürnberg. Auch ein rein visuelles – und damit kostenloses – Konsumieren der Bilder ist möglich.

AUGEN
SCHMAUS

 
 
Chris Weinland
 
06.2018