Anne räumt auf –
Beachcleaner

#001 – Timeout

'Be the change you want to see in the world.' Mahatma Ghandis Worte beschreiben das unermüdliche – und ehrenamtliche – Schaffen von Anne Mäusbacher ziemlich treffend. Ihr Beachcleaner Movement zieht immer weitere Kreise und hat in Synergie mit gleichgesinnten Netzwerken eine Menge dazu beigetragen, das fatale Problem mit dem Plastikmüll ins globale Bewusstsein zu verankern.

Was angesichts der menschlichen Fähigkeit, Unangenehmes zu verdrängen, auch verdammt notwendig war, ist und wohl immer sein wird. In Zeiten verrückt anmutender Staatsoberhäupter mit blonden Perückenfrisuren, die Themen wie Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung tatsächlich mit einem 'No big deal' an sich abtropfen lassen, obliegt es allen anderen (also auch uns), tätig zu werden. Zum Beispiel eben beim Plastikmüll. Aber keine Angst, niemand soll jetzt gleich zum militanten Umweltaktivisten werden. Es gibt sehr viele einfache und nachhaltige Möglichkeiten, seinen eigenen kleinen, aber in Summe sehr wichtigen, Teil beizutragen. Und Spaß kann das auch machen, das wissen wir nach unserem Interview mit Anne. Aber lest selbst:
GM / Was war der Auslöser für Beachcleaner? Wann war das?

ANNE / Im Jahre 2015 befand ich mich mit meiner Familie im Urlaub am Mittelmeer und da fiel mir sehr viel mehr Müll auf. Am Strand, aber auch im Wasser. Treibende Plastikplanen haben wir mit dem Kescher meines Sohnes rausgefischt und wirklich ab dem ersten Urlaubstag unsere Aufräumaktion auch auf alle möglichen Strände ausgedehnt. Übernacht wurde so der Name "beach cleaner" geboren. Anfänglich wollte ich nur mehr Menschen dazu bewegen, mit zu machen. Später kam dann mehr Aufklärung über die Vermüllung des Ozeans, unser plastikfreies Leben bis hin zu zero waste dazu.

DER OZEAN
ALS MÜLLKIPPE

GM / Welche traurigen Fakten treiben Dich an?

ANNE / Jede Minute landet eine LKW-Ladung Müll im Meer. Der Ozean wird als Müllkippe genutzt. Ich habe mich gefragt, welches Recht wir dazu haben, unseren Müll einfach so zu entsorgen. Ich bin seit längerem Vegetarier und esse auch keinen Fisch mehr. Der ist inzwischen auch mit Mikroplastik belastet und die Meere sind überfischt. Auch dazu finde ich, haben wir kein Recht. Einfach in anderen weitentfernten Meeren nach Nahrung zu suchen meine ich. Wir haben genug Alternativen. Manche Nationen leben vom Fischfang und ernähren sich ausschliesslich davon, z.B. die Malediven. Da gibt es keine Gewächshäuser, wie bei uns, keine Alternativen zu Fisch. Der Fisch, vor allem der Tunfisch, wird ihnen aber von den Japanern weggefischt. Das muss nicht sein und sollte meines Erachtens anders geregelt werden. 
GM / Gibt es Protagonisten im Plastic Free Living, die wir uns merken sollten? 

ANNE / Captain Paul Watson, der Gründer von Sea Shepherd. Ein großes Vorbild in Bezug auf Tierschutz (Schützer der Meere) und er kämpft gegen Plastikmüll mit vielen, vielen Volunteers weltweit. Es gibt inzwischen viele große und kleinere, nationale und internationale Netzwerke und Aktivisten, die gegen den Plastikmüll ankämpfen. So auch wir.  

GM / Der Name ist ja eindeutig Programm. Aber die Beachcleaner sind nicht nur an Stränden unterwegs, oder?

ANNE / Wir machen überwiegend am Wasser sauber. 80% des Mülls im Ozean stammt vom Land, und zwar vom Inland. Plastiktüten, To-Go-Becher, Strohhalme, PET Flaschen und mehr landen über Flüsse irgendwann im Meer. Das wollen wir verhinden. Deshalb räumen wir auch in Parks auf, die am Wasser liegen.
GM / Welche Aktivitäten oder Events organisierst Du?

ANNE / Inzwischen sind wir eine kleine Bewegung und werden durch eine Kern-Freiwilligen-Truppe unterstützt. Sei es bei Beach-Clean-ups oder Vorträgen oder Workshops mit Schulen. Kathi Liss hält sehr viele Vorträge und da wir beide nicht alle Schulen bedienen können, habe ich ein Buch geschrieben, das bald veröffentlich werden wird. Dieses Buch ('Kids-for-the-Ocean') ist für Pädagogen, aber auch Erzieher und Eltern geeignet. Je nachdem wie viel Zeit man hat, kann man von 15min - bis zu einer ganzen Schulstunde in Themen eintauchen und diese spielerisch erfahren.

KIDS FOR
THE OCEAN

GM / Mit wem kooperierst Du? Gibt es ein Netzwerk für Gleichgesinnte?

ANNE / Ich kooperiere mit Sea Shepherd. Inzwischen gibt es aber auch sehr viele andere Aktivisten und Initiativen, zum Beispiel den Bund Naturschutz, mit denen wir gerne zusammen arbeiten. Letztendlich wollen wir alle das gleiche erreichen.

GM / Dein Movement ist sicher zeitintensiv. Was hält Deine Familie davon?

ANNE / Allerdings, überwiegend startet meine Arbeit ab halb neun abends, wenn Mamapflichten und Haushalt einigermaßen erledigt sind. Zum Glück macht meine Familie mit und versteht mein Engagement. Ich habe mir aber vorgenommen, zukünftig nur eine bestimmte Anzahl von Aktionen und Vorträgen im Monat zu stemmen. Ich hoffe, das Buch hilft uns mehr Menschen zu inspirieren, ihren Beitrag zu leisten und unsere plastikfreie Lebensweise zu versuchen.
GM / Wo bist Du in Sachen Beachcleaner schon gewesen?

ANNE / Ich reinige wo ich bin. Das kann ein freier Nachmittag auf einer Geschäftsreise sein oder ein Tagsausflug, bis hin zu einer kompletten Urlaubsreise am Strand. Ich war viel in Asien und habe dort auch eine dramatische Plastikentwicklung erleben können oder besser: müssen.

GM / Dein schönstes Erlebnis bisher? 

ANNE / Einen sehr schönen Event gab es letztes Jahr in Casteldelfels, Spanien. Nach dem Clean up mit Spaniern und Deutschen haben wir noch bis fast Mitternacht in einer Strandbar gesessen und uns über plastikfreies Leben ausgetauscht. Es war sehr entspannend und einfach schön zu sehen, dass man mit eigentlich fremden, aber gleichgesinnten Menschen, sehr nette Gespräche führen kann und auch noch bis heute Kontakt halten kann. Was bewirken kann.
GM / Was wolltest Du als Kind werden? Welche Ziele hast Du heute?

ANNE / Als Kind wollte ich eine zeitlang Astronautin werden, heute wäre es eher Meeresbiologin. Ich habe Ende 2015 ein Kurzstudium über Marine Litter (Verschmutzung der Meere) absolviert und sehr viel dazugelernt. So ist letztendlich auch meine Website entstanden. Ich wollte das Gelernte festhalten, weiter verbreiten. Und zu diesem Zeitpunkt gab es in den deutschen Medien keine Informationen über die Plastikkontinente/Gyres. Das wollte ich ändern. 

GM / Was war Dein bester 'Move' bisher?

ANNE / Einfach anzufangen, aufzuräumen. Am Strand, aber auch in unserem Haushalt. Auf die Bühne zu gehen und die Leute zu inspirieren. Ich arbeite eigentlich lieber im Hintergrund, aber ich habe gemerkt, dass man raus muss, laut werden muss, um etwas zu bewegen.
GM / Deine 10 wichtigsten Tipps für ein plastikfreies Leben?

ANNE / Erstens Leitungswasser trinken. Zweitens jedem in der Familie ein bis zwei Refill-Edelstahlflaschen besorgen. Drittens Frühstücksboxen in Edelstahl anschaffen (oder Bambus). Viertens auf Strohhalme komplett verzichten. Fünftens unverpackt einkaufen. Das geht in einigen Supermärten, aber zum Beispiel auch im Unverpackt Laden 'Zero Hero' in der Nürnberg. Regional, saisonal und fair. Wir achten auf lokale Produktion und unterstützen diese. Sechstens anstatt Shampoo aus der Plastikflasche auf Haar-Seife umsteigen (ebenso Duschgel). Siebtens auf eine Bambus-Zahnbürste umsteigen. Unsere Zähne sind top und der Zahnarzt überlegt sogar, seine Einweg-Plastikbürsten mit Bambus zu ersetzen. Achtens Kosmetik selber machen. Das geht fix, ist günstig und man kennt die Inhaltsstoffe :-). Neuntens Putzmittel selber machen. Es gibt etliche Anleitungen dazu auf meiner Website und im Netz (zero waste). Zehntens, für die Damen: Anstatt herkömmliche Monatshygiene einen Meno-cup aus Kautschuk probieren. Auch hier kann man Müll und Geld sparen.
GM / Für den Kopf und Geldbeutel – ganz zu schweigen vom ökologischen Fußabdruck – ist das doch eine feine Sache, oder?

ANNE / Stimmt. Man spart generell Geld und fühlt sich so frei dabei. Wenn ich jetzt durch einen Supermarkt oder eine Drogerie schlendere, schmunzele ich nur noch, da ich das fast alles nicht mehr brauche. Es gibt keine Spontaneinkäufe mehr. Wir kaufen gezielt und geplant. Vieles kaufen wir aufgrund der Verpackung nicht mehr (Chips!).

SCHMUNZELND
DURCH DEN
SUPERMARKT 

GM / Wo bekommen wir die schönen Beachcleaner Taschen und T-shirts? Was kosten sie?

ANNE / Der kleine Shopper kostet 4 Euro und die grosse Beach-Bag 20 Euro plus Versand. Bedruckt in Franken :-).
Die Shirts und Hoodies gibt es für ganz treue Helfer auf Anfrage (über die Website). Wir haben bewusst keinen Onlineshop und auch keinen Verein gegründet, da wir uns auf die Aktionen konzentrieren und nicht mit Bürokratie aufhalten wollen.
GM / Wann und wo findet wieder was von Dir statt?

ANNE / Alle 4 bis 6 Wochen machen wir sauber, oder es gibt Vorträge. Wir hatten erst am Earthday (22.04.) einen grossen Clean-up  auf der Pegnitzwiese. Ein grosser Clean-up findet am 23.06. auf dem Yoga Sound and Sea Festival am Steinberger See statt.

GM / Möchtest Du abschließend noch etwas loswerden?

ANNE / Wer uns bei unserem Schulprojekt permanent unterstützen mag, bekommt neben einer Einweisung auch eine kleine Ausstattung als Dankeschön. So als kleine Motivation und Belohnung :-).
Anne bringt übrigens Mitte Juli ihr erstes Buch heraus. 'Kids for the Ocean' bietet Inspiration und Lösungen für den Unterricht und den Familien-Alltag und soll zu vernünftigen Entscheidungen anregen. Nicht nur der Planet Ozean verändert sich, auch wir werden uns verändern. Sehr empfehlenswert und hier bestellbar.

GET
MOVING

 
 
Chris Weinland
 
06.2018