Flying waves
with
Leon Jamaer

#002 – Sporty

Verrückt hohe Wellen, brutaler Wind, peitschender Regen und saukalt – Zeit zum Windsurfen. Zumindest für Leon Jamaer, Worldcup-Profi und völlig gelassen gegenüber solcher Bedingungen.

Das passt irgendwie so gar nicht zum Kopfkino von Hang Loose Hawaii, das beim Gedanken an Windsurfen automatisch los läuft. Aber keine Angst, solche Situationen sind nicht der Standard – außer vielleicht beim Red Bull Storm Chase. Aber dazu später mehr. Jetzt lernt Ihr erstmal einen sehr sympathischen, extrem guten Windsurfer kennen. Mit einem der wohl schönsten Arbeitsplätze der Welt. Aber lest, seht und staunt selbst...
GM / Du windsurfst seit Deinem zehnten Lebensjahr. Stimmt es, dass Du das Deinen beiden Brüdern zu verdanken hast?

LEON / Ja, das stimmt. Meine beiden älteren Brüder waren schon vor mir am Windsurfen. Von denen habe ich am Anfang gelernt und später haben wir uns dann gegenseitig gepusht. Besonders praktisch war, dass sie bereits einen Führerschein hatten und wir somit ziemlich unabhängig und mobil waren. Dadurch kam ich schon in jungen Jahren an Orte wie Klitmoeller in Dänemark und konnte mich ans Windsurfen in der Welle herantasten. 

EIN
LANGER
WEG

GM / Leon Jamaer, Windsurf Profi from Kiel / Germany. Beneidenswerte Berufsbezeichnung und Steilvorlage für die Frage: Wie wird man Windsurf Profi? Da stecken doch sicherlich jahrelange Arbeit und Leidenschaft dahinter?

LEON / Wahrscheinlich mehr Leidenschaft als Arbeit, aber ein langer Weg ist es trotzdem. Zunächst bin ich viel mit meinen Brüdern ans Wasser gekommen und hatte somit schon früh gute Bedingungen zum Üben. Wir waren an den Wochenenden häufig in Dänemark und in den Schulferien ging es dann Richtung Frankreich, Norwegen oder Irland. Auch meine Eltern haben mich unterstützt. Neue Segel oder Flugreisen mussten meist aber erst abgearbeitet werden. Als ich etwa 15 Jahre alt war, wurden die ersten Sponsoren auf meinen Bruder und mich aufmerksam. Mit dem richtigen Material und etwas Unterstützung war es dann noch einfacher, an die Windsurf-Topspots zu kommen und wir konnten unser Level weiter verbessern. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, so viel Unterstützung von unterschiedlichen Seiten bekommen zu haben. Nach dem Abi flog ich one-way nach Australien und, da das Geld das ich dort verdient hatte ausreichte, ging der Rückflug über Hawaii. So ging es dann stetig weiter und der Großteil des Lebens wurde aufs Windsurfen ausgerichtet, jeder verdiente Euro in das nächste Flugticket oder den vollen Tank investiert. Das bedeutet aber nicht, dass man von einer traumhaften Insel zur nächsten fliegt. Häufig windsurft man bei Sturm, Regen oder im Winter bei Eiseskälte und freut sich, wenn auf der Rückfahrt im warmen Auto das Gefühl in die tauben Finger zurück kommt. Erst als ich mit etwa 23 Jahren internationale Wettkampferfolge vorweisen konnte, bekam ich einen Profi-Vertrag angeboten und lebe seitdem vom Windsurfen.
GM / Du bist Profi, wirst also für Deine Leistungen bezahlt. Bringt das wiederum einen gewissen Leistungsdruck ins Spiel? Woran wirst Du alles gemessen? Thema Facebook und Co…

LEON / Ob dein Vertrag verlängert wird, hängt natürlich davon ab wie zufrieden die Sponsoren mit einem am Ende des Jahres sind. Da spielen viele Faktoren mit rein – Wettkampfergebnisse, Präsenz in Print- und digitalen Medien, Präsenz und Kommunikation am Strand, gemeinsame Projekte und ja, auch Facebook-Likes. Da wir momentan nur drei Wettkämpfe in meiner Disziplin auf der PWA Worldtour haben, ist der Druck bei jedem einzelnen Event umso höher. Wir fahren nach dem K.O. Prinzip. So können zwölf schlechte Minuten bereits über das Jahresergebnis entscheiden.

GM / Wie hart ist die Konkurrenz um die Sponsorenverträge? Man stellt sich Eure Szene ja eher entspannt und freundschaftlich vor. Seid Ihr wirklich alle noch Buddies?

LEON / Die meisten von uns haben langjährige Bindungen an ihre Sponsoren, daher werden die Verträge nicht nach jeder Saison wieder durcheinander gewürfelt.
Ich denke, alle geben ihr Bestes und am Ende findet jeder seinen eigenen Weg mit Sponsoren umzugehen beziehungsweise für diese attraktiv zu sein. Dadurch gibt es keinen feindlichen Konkurrenzkampf. Trotzdem sind wir alle Individualsportler und versuche das für uns persönlich beste Ergebnis zu erzielen.

GM / Hast Du noch Zeit für private Trips mit Freunden?

LEON / Da viele meiner Freunde ebenfalls begeisterte Windsurfer sind, lässt sich das zum Teil gut vereinbaren. Das letzte mal zum Snowboarden in den Alpen war ich aber vor 15 Jahren.

WIND
SURFING
WITH
FRIENDS

GM / Eine Deiner Stärken ist die große Anpassungsfähigkeit an neue Standorte. Reine Erfahrungssache oder woher der Skill?

LEON / Windsurfen hat für mich auch immer Reisen bedeutet – neue Länder und Orte entdecken. Dabei lernt man, in unterschiedlichsten Bedingungen klar zu kommen und ist am Ende nicht nur in den Bedingungen gut, die man ständig vor der Haustür hat. Außerdem ist man als Deutscher fast gezwungen im Winter zu verreisen, um konstant aufs Wasser zu kommen und trainieren zu können. Auch im Hochsommer haben wir nur selten richtig gute Windsurf-Bedingungen und fliegen dann zum Beispiel auf die Kanaren zum Trainieren. Wenn ich unterwegs bin, versuche ich so viel wie möglich im oder auf dem Wasser zu sein. Teils auch ohne Segel mit dem Surfbrett. So entwickelt man ein gutes Verständnis vom Meer und davon, wie sich dieses unter bestimmten Wetterbedingungen verhält.
GM / Wo windsurfst Du am liebsten? Deine Stammreviere sind Nord/Ostsee und Südafrika, oder?

LEON / Ja, ich gehe sehr gerne zusammen mit Freunden an Nord- und Ostsee aufs Wasser. Mein absoluter Lieblingsspot – Weißenhaus – ist nur etwa 30 Minuten von meinem Elternhaus entfernt. Ansonsten entdecke ich gerne neue Orte. Meine letzten Reisen gingen nach Madagaskar, Indonesien und Namibia. Man kann kaum beschreiben, wie perfekt und einzigartig die Wellen sind, die wir dort gefunden haben. Um mich auf Wettkämpfe vorzubereiten, bin ich am liebsten in Südafrika. Dort kommt man aufgrund des sehr konstanten Windes einfach extrem viel aufs Wasser. 

GM / Dein aktueller Lieblingstrick? An welchem feilst Du noch?

LEON / Zum Doubleloop habe ich eine Hass-Liebe. Wenn er gut klappt, ist es das beste Gefühl. Wenn nicht, kann es ganz schön schmerzhaft werden. Beim Pushloop-Forward sieht es ähnlich aus.​
GM / Du warst schon in einigen coolen Videos am Start. Und produzierst mit Julian Robinet auch sehr schöne eigene. Wäre das vielleicht eine Alternative nach dem Profisport? Will fragen: Denkst Du manchmal über die Zukunft nach?
LEON / Über die Zukunft macht man sich viele Gedanken, denn es ist schwierig ewig vom Sport zu leben. Als Profi-Windsurfer lernt man jedoch eine ganze Menge. Allein durch die ständige Organisation der Reisen oder das Arbeiten an Projekten, wie zu Beispiel mit Julian Robinet, meinen Sponsoren GP JOULE und Mercedes oder auch dem Red Bull Storm Chase. Man muss sich die Dinge selbst erschließen und lernt, selbständig zu Arbeiten. Außerdem lernt man die Welt kennen und hat auf viele Dinge einen anderen Blickwinkel. Auch wenn das nicht unbedingt die Skills sind, die im klassischen Bewerbungsgespräch abgefragt werden, sehe ich die Zukunft positiv.
GM / Wann hast Du das letzte Mal Angst gehabt, ins Wasser zu gehen?

LEON / Wenn ich Angst hätte, zum Beispiel, wenn ich wüsste dort schwimmt gerade ein hungriger Weißer Hai herum, dann würde ich nicht aufs Wasser gehen. Unter Surfern sagt man: In doubt, don´t go out!

STORM
CHASE

GM / Beim Red Bull Storm Chase warst Du schon mehrfach erfolgreich. Die Missions sind aber teilweise hardcore, was Wind und Wellen angeht. Macht sowas wirklich noch Spaß? Geht es da um Mut oder Show? Das Gefühl, wenn Du wieder am Strand stehst, muss unbeschreiblich sein.

LEON / Bei solchen Bedingungen sind wir Fahrer schon am Limit. Trotzdem macht es Spaß. Windsurfen funktioniert eben auch noch bei Sturm und riesigen Wellen. Solche Bedingungen, wenn auch nicht ganz so extrem, haben wir immer mal wieder auch im freien Fahren. Es ist Teil des Sports und ein Wettkampf bei solchen Bedingungen mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen ist die absolute Krönung. Statt Mut und Show sind aber eher Erfahrung und Souveränität gefragt.

GM / Eine Menge Souveränität, würde ich sagen. Checkt mal dieses krasse Video
GM / Was macht Dich glücklich? Auf dem Wasser? Und an Land?

LEON / Auf dem Wasser: eine perfekt geformte Welle oder ein neu erlernter Sprung. An Land: von Schokolade, Sport, Musik bis Freunde und Freundin sehr vieles.

GM / Was steht bei Dir für die nächsten Wochen im Kalender?
LEON / Am Freitag startet der Worldcup Sylt. Beim letzten Worldcup-Event der Saison will ich alles geben, um einen Platz unter den Top 10 zu erreichen. Danach werden Pläne für den Winter und das kommende Jahr geschmiedet.

GM / Dann mal viel Glück! Wir werden die Daumen drücken!

WORLD
CUP

 
 
Chris Weinland
 
09.2018