ROTH CHALLENGE
WARRIOR:
CHRISTIAN DATZ

#001 – Sporty

Christian Datz ist aus meiner Sicht kein normaler Mensch. Und auch wenn er zigtausend Gleichgesinnte hat: Wer 3,8 Kilometer schwimmt, 180 radfährt und dann noch 42,2 läuft kann nicht ganz normal sein.

GM / Was hat Dich bitte getrieben, ausgerechnet Triathlon als Sportart zu wählen?
 
CHRISTIAN / Von dieser Ironman-Sache war ich schon immer fasziniert, auch unter dem Aspekt 'Unfassbar, das man das schaffen kann'. Auslöser war dann eine bierseelige Wette. Der Streit mit ein paar Freuden, ob jeder gesunde Mensch einen Langdistanz Triathlon schaffen kann, endete mit einer Wette um 300 Euro um ein Finish von mir innerhalb eines Jahres. Die Wette hab ich gewonnen finanziell war das allerdings kein großer Erfolg. Die nötigen Investitionen überstiegen den Wettgewinn um ein Vielfaches. Alleine die Startgebühr war höher und Fahrrad hatte ich auch keines. Gelohnt hat sich das Ganze aber auf jeden Fall.
GM / Wann hast Du dann damit angefangen zu trainieren?
 
CHRISTIAN / Gleich 2012 mit besagter Wette. Zehn Kilometer laufen konnte ich schon, schnell Rad gefahren bin ich auch schon immer gerne. Beim Schwimmen war ich sicher am weitesten von den 3,8 Kilometern entfernt. Nach acht Bahnen Brustschwimmen war Schluss. Ich habe einen 31-Wochen-Plan aus dem Internet abgearbeitet. Das hat für ein Finish in 11:55 Std. gereicht. Letztes Jahr habe eigentlich wieder neu angefangen. Groß Schwimmen, Radfahren oder Laufen habe ich in den letzten fünf Jahren nicht trainiert.

GM / Die meisten Deiner Mitmenschen träumen höchstens von einem Halbmarathon. Und sicher nicht mit vorherigem Schwimmen und Radfahren. Wie lange dauert es, auf Dein Power-Level zu kommen?
 
CHRISTIAN / Jetzt aktuell waren es bei mir zehn Monate. Ich mache aber schon mein ganzes Leben lang Sport. Weniger als fünf Stunden in der Woche waren es warscheinlich selten. Mit der Wette hat ja alles angefangen. Ich bin auch weiterhin davon überzeugt, dass jeder gesunde, halbwegs fitte Mensch innerhalb eines Jahres fit für einen Long Distance Triathlon werden kann.

LONG
LONG
DISTANCE

GM / Was war der Auslöser, in Roth an den Start zu gehen?
 
CHRISTIAN / Wenn man aus der Region ist und was mit Langdistanz zu tun hat dann muss man da einmal dabei sein. Die Bilder vom Solarer Berg, ich glaub es gibt kaum etwas anderes wo du dich als Amateur so sehr wie ein Superstrar fühlen kannst.

GM / Wie hast Du Dich trainingstechnisch vorbereitet?
 
CHRISTIAN / Im Winter schon auch Grundlagen (lange langsame Läufe und Radfahrten auf der Rolle) aber tendenziell eher sehr viel Intervall Training, mein Fokus liegt eher auf der Intensität als auf den Umfängen. Wenn man LD machen will, kommen schon Umfänge zusammen. Aber einfach stumpf vier oder fünf Stunden spazieren fahren bringt mir nichts. Da schlagen die meisten studierten Trainingswissenschaftler und selbsterklärte Experten sicher die Hände über dem Kopf zusammen. Für mich hat das gut funktioniert, auch wenn ich nach einem Block oft so kaputt war, dass ich außer auf der Couch liegen nahezu nichts zu Stande gebracht habe.
 
GM / Und wie mental? Eine derartige Tortur Ist ja auch Kopfsache, oder?
 
CHRISTIAN / Das Durchziehen von extrem harten Trainingseinheit schult auch den Kopf. Oft "kann" man schon nach der hälfte des selbstauferlegten Folterprogramms nicht mehr. Wenn man dann durch ist, weiß man dass nach 'Ich kann nicht mehr' noch sehr viel kommt. So sieht es im Übrigen aus wenn man wirklich nicht mehr kann. Eine der legendärsten Szenen der Ironman Geschichte könnt ihr in diesem Video erleben. Ich könnte sicher auch noch viel über Sugestion und Visualisierung erzählen, zusammengefasst beschäftige ich mich während meiner Tagträume, im Traing viel mehr mit dem kommenden Erfolg als mit einem möglichen Scheitern. Ich verzichte beim Training fast immer auf Musik oder Fernsehen, so habe ich viel Zeit um mich zu fokusieren und auch auf meinen Körper zu hören.
GM / Wie sah Dein Ernährungsplan vor dem Wettkampf aus?
 
CHRISTIAN / Eigentlich wie immer viel Obst, Gemüse, Olivenöl, Wasser etwas Käse Fisch und Fleisch, alles möglichst hochwertig, Saisonal und Regional aber mehr KH in allen Formen als sonst. Nudeln und Brot kaufe ich fertig ansonsten mache ich alles selbst. Während des Wettkampfs und  langen Trainingseinheiten trinke ich noch ein 'köstliches' selbstgemischtes Geglibber aus Maltodextrin Rohrzucker und Salz. Das ist im Endefekt alles was in den tollen Isodrinks und Gels der Industrie auch drin ist zu einem Zehntel des Preises.
 
GM / Die richtige Ausrüstung ist natürlich Gold wert. Und teilweise auch so teuer. Was trägst Du beim Schwimmen, Radfahren und Laufen?

CHRISTIAN / Beim Schwimmen den günstigsten Neoprenanzug den ich vor 5 Jahren gefunden habe. Richtig bequem ist sicher anders aber er hat Auftrieb und schützt vor der Kälte. Das war dieses Jahr auch durchaus ein wichtiger Punkt, knapp 20 Grad Wassertemperatur ist schon frisch. Das restliche Equipment ist meist Einstieg bis Mittelklasse. Ich mache da für mich eine  Kosten Nutzen Rechnung. Den Neo zum Beispiel gibt es auch für über 600 Euro aber wegen einer Stunde in der ich ihn trage und der Tatsache, dass dieser mich auch nicht bedeutend schneller macht, gebe ich nicht dass fünf- oder sechsfache aus. Auf dem Sattel sitzt man über fünf Stunden. Da nehme ich den, der zu mir passt, egal was der dann kostet. Ein Helm bringt im Verhältnis zum Preis eine relativ große Zeitersparnis, da kann man dann auch mal 250 statt 100 Euro ausgeben.

GM / Welches Bike fährst Du? Und warum?

CHRISTIAN / Ein Cannondale CAAD 8 mit Auflieger. Weil es das günstigste Rennrad mit vernünftigen Komponenten war, das ein großer Fahrradhändler damals im Angebot hatte. Ich setze auf Kondition statt Carbon. Aber ohne Spaß mit einem perfekt eingestellten Aerorad mit top Laufrädern wäre ich wahrscheinlich 10-15 Minuten schneller gewesen aber gewonnen hätte ich das Ding trotzdem nicht.
Das Spitzenmaterial ist was für Spitzensportler oder für Leute die gerne 5,6,7 oder mehr Tausend Euro ausgeben, weil das Bike so cool aussieht. Für mich ist das nichts. Ich fahre aber auch ein 18 Jahre altes Auto von dem der Lack abblättert. Top Bike 15.000, Helm und Schuhe nochmal 1.000 Euro. Das Gefühl, den Materialjunkie mit einem 1000-Euro-Rennrad zu überholen: unbezahlbar.

GM / Die Challenge Roth ist einer der renommiertesten Wettkämpfe in Europa. Und die Teilnahme bei den weltbesten Triathleten heiß begehrt. Wie hast Du es überhaupt geschafft, einen Startplatz zu ergattern?

CHRISTIAN / Die Top Athleten werden eher mit Startgeldern gelockt weil sie sich in Roth ja nicht mehr für Hawaii qualifizieren können. Für Alle anderen heißt es möglichst viele Leute einspannen die bei der Online Registrierung, am Montag eine Woche nach dem Rennen, ordentlich in die Tasten hauen. Bei mir war eine Kollegin meiner Frau erfolgreich. Ich selber hätte in der Zeit bis das Rennen ausgebucht ist wahrscheinlich grad mal meinen Namen geschrieben.

KONDITION
STATT
CARBON

GM / Warst Du vor dem Start sehr aufgeregt oder Jedi-like total fokussiert?

CHRISTIAN / Ich bin eher Jedi. Bei der Ankunft am Schwimmstart so eine Stunde vor dem Rennen war die Anspannung dann schon da aber nie so, dass ich mir fast in die Hose gemacht hätte.

GM / 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer radfahren und dann noch 42,2 Kilometer laufen – für mich völlig unvorstellbar. Wie erging es Dir in den Disziplinen?

CHRISTIAN / Schwimmstart Hölle: Wenn 200 Mann zeitgleich losschwimmen, geht das nicht ohne Hauen und Treten. Nach vielleicht 10 min hat man dann seine Position gefunden und schwimmt vor sich hin. Ich versuche ständig darauf zu achten, dass ich schön 'lang' bin und komplett durchziehe. Zum Ende wurde es dann zäh. Da hab ich noch ein bisschen Züge gezählt- oder vielmehr Luftholen... so 250 waren es noch ungefähr zur Brücke... noch zwei... Ziel!
Radfahren ist meine Lieblings-Disziplin. Da muss ich ständig darauf achten, nicht zu viel Gas zu geben. Das ist aber mit einem Wattmesser nicht so schwer. Kohlenhydrate und Wasser nachschütten und immer schön in Aeroposition bleiben. Auf den letzten 20-30 km wurden die Beine schwer und der Hintern tat auch weh. Ich konnte aber meine angepeilte Leistung bis zum Ende durchfahren. Das Laufen war die ersten acht vielleicht neun Kilometer extrem hart. Das bin ich zu schnell angegangen. Die ersten drei Kilometer lief ich mit ca. 04:30 min/km, 5 hatte ich angepeilt. Laufen fühlt sich nach 180 km Radfahren, egal wie schnell man läuft, fast wie stehen an. Bis ich bei Kilometer 10 meine Pace gefunden hatte, war ich überzeugt, dass ich das keine 42 Kilometer durchhalten kann. Meine Gedanken kreisten darum, mich einfach hin zu setzen, Bier zu trinken und zuzusehen wie sich die anderen Idioten quälen. Da ich ja aber weiß dass nach „Ich kann nicht mehr“, noch einiges kommt bin ich dann doch weiter gelaufen. Wenn man den Kanal überstanden hat ist man schon bei Kilometer 25 und hat viel mehr als die Hälfte geschafft. Gegen Ende tut dann jeder Schritt weh aber wenn man schon so viel geschaft hat hört man auch nicht mehr auf.
GM / Bist Du mit Deinem persönlichen Ergebnis zufrieden? Hat Dich die schiere Größe des Spektakels angetrieben oder aus dem Konzept gebracht?

CHRISTIAN / Auf jeden Fall. Ich hatte zwar 10 Stunden angepeilt aber in Anbetracht meiner Empfindungen auf der Laufstrecke hätte ich mich an dem Tag wahrscheinlich auch über 12 Stunden gefreut. Das Spektakel hat auf meine Leistung denke ich keinen Riesen Einfluss auch wenn das erste Mal Solarer Berg wirklich unbeschreiblich war. Da bekomme ich mein restliches Leben eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie ich auf diese Wand aus Menschen zu fahre. Da war ich dann auch kurz aus dem Konzept. Ich bin den Hügel im Training schon ein paar mal gefahren, aber so schnell wie an dem Tag bei weitem noch nie.
GM / Wie hast Du den Event drum herum erlebt, dessen Atmosphäre die FAZ schon mit Tennis in Wimbeldon verglich?

CHRISTIAN / Es ist unfassbar, alle, der ganze Landkreis, die Helfer die Organisatoren alle scheinen voll hinter dem Event zu stehen auch wenn das an dem Wochenende und auch vorher schon mit Einschränkungen verbunden ist. Die Radstrecke ist schon Wochen vorher mit hunderten Radfahrern bevölkert und Am Renntag selbst kommt der Verkehr fast komplett zum Erliegen. Ein ganzes Wochenende lang Volksfeststimmung verteilt auf 226 Kilometer. 7.000 Freiwillige, ich wurde nach dem Schwimmen von zwei Helfern mit Sonnencreme eingeschmiert. Ich kam mir vor wie ein Formel 1 Auto beim Boxenstopp. Wie Tennis in Wimbledon ist weiß ich nicht, aber wenn dort nicht 250.000 Zuschauer, 4.000 Sportler, Profis wie Amateure, enthusiastisch anfeuern, dann ist es in Roth besser.
GM / Wirst Du nächstes Jahr wieder an den Start gehen?

CHRISTIAN / Nächstes Jahr nicht. Da möchte ich eher mal nach Frankfurt, der großen „Ironman“ Veranstaltung in Deutschland und wenn ich ein Platz bekomme beim Oetzltaler Radmarathon teilnehmen.

GM / Wer sind Deine Idole in der Szene? Wenn müssen wir kennen?

LIONEL
SANDERS
FAN

CHRISTIAN / Jan Frodeno und Daniela Ryf sind zurzeit die Top Stars was LD Triathlon angeht. Danach kommen einige die was reißen können. Ich persönlich bin ehr Lionel Sanders Fan. Der trainiert fast nur auf Rolle und Laufband im Haus und dann immer richtig hart. Er konzentriert sich fast nur auf die maximale Sauerstoffaufnahme. Als Training für die Bedingungen auf Hawaii hat er sich einen Heizstrahler in seine Folterkammer gestellt. Er macht auch Trainings und Renndaten öffentlich was ich extrem cool finde.

GM / Wie sieht es mit Hawaii aus? Der Ironman gehört doch praktisch zu den Pflichtevents für ambitionierte Triathleten?

CHRISTIAN / Das ist so eine von den Kosten-Nutzen Sachen. Da müsste ich noch eine knappe Stunde schneller sein, um einen Startplatz zu bekommen. Das würde ich schaffen, hieße aber ein Zeitfahrrad zu besorgen und ein weiteres Jahr kaum Zeit für die Familie zu haben. Außerdem wäre das mit Qualli-Wettkampf, Startgebühren, Flug, Unterkunft und so weiter sicher eine Gesamtinvestition von 10.000 Euro. Das ist es mir im Moment nicht wert. Um mich den ganzen Tag bei 40 Grad und 98 Prozent Luftfeuchtigkeit durch die Lavahölle zu quälen.
GM / Was steht als nächster Wettkampf in Deinem Kalender?

CHRISTIAN / Da steht noch gar nichts fix drin, wie schon gesgat nächstes Jahr Oetzi oder Frankfurt. Dieses Jahr noch eine Kurzdistanz in der Region und wenn es vom Urlaub her geht Challenge Half auf Mallorca.

GM / Wohin können sich Interessierte wenden? Gibt es Trainingsgruppen? Ich meine, auch für Anfänger?
CHRISTIAN / Gerne an mich. Trainigsgruppen gibt es bestimmt auch. Das ist aber nicht so mein Ding. Wenn ich Sport mache, will ich Gas geben und mich nicht unterhalten. Man findet auch sehr viele Infos im Internet, da ist viel Forengeschwurbel dabei und man muss herausfinden, was für einen persönlich passt. 

GAS
GEBEN

 
 
Chris Weinland
 
06.2018