Kilimandscharo
Experience

#001 – Sporty

Hello Africa – der Berg ruft! Weihnachten zuhause? Nein, Sebastian Schäfer hat die feiertägliche Völlerei gegen den schweißtreibenden Gipfelsturm des Kibo getauscht. Der höchste Berg des Kilimandscharo-Massivs in Tansania ist 5.895 Meter hoch und definitiv kein Ausflugsziel für Sonntagnachmittage.

Disziplin und Ausdauer bringt Sebastian vom TaeKwonDo mit. Der passionierte Kampfsportler stand bei Bayerischen und Deutschen Meisterschaften mehrfach mit Medaillen um den Hals auf dem Siegerpodest. Im Dezember 2017 hieß der Gegner also Kibo. Warum er so einen Trip gemacht hat und wie es ihm dabei ergangen ist? Sagt er uns jetzt:
GM / Sebastian, wie bist Du zum Bergsteigen gekommen?

SEBASTIAN / Die 'Faszination Berge' hat mich in meiner Kindheit ergriffen. Das Thema war für mich so interessant, dass ich mich für die Gebirgstruppe im Rahmen meines Wehrdienstes bei der Bundeswehr entschieden habe. Dort lernte ich sehr viele Spielarten des Bergsports kennen. Auch wenn der Hintergrund ein anderer, ernster, war. Klettern, Bouldern, Klettersteige, Skitouren, viel Bergrettung, Bergtouren mit 25 Kilo Gepäck.

FASZINATION
BERGE

Das alles ist das Grundhandwerkszeug des Gebirgsjägers. Auf etlichen Lehrgängen durfte ich meine Fähigkeiten des Bergsteigens erlernen und ausbauen. In Summe bieten die Berge ein unerschöpfliches Betätigungsfeld in dem man sich ständig weiterentwickeln kann. Es ist möglich neue Schwerpunkte setzen. Ein besonderer Aspekt ist für mich, gemeinsam mit Freunden tolle Erlebnisse zu erfahren, und Herausforderungen zu bestehen. Aber auch solo seine Pläne umzusetzen ist ein besonderes Erlebnis. Das unglaubliche Naturerlebnis muss ich, denke ich, nicht erwähnen.

GM / Du hast pünktlich zum Weihnachtsfest 2017 Afrikas höchsten Berg bestiegen. Warum ausgerechnet den Kibo im Kilimandscharo Massiv?

SEBASTIAN / Ich hatte mich lange und intensiv mit dem Thema Höhenbergsteigen auseinandergesetzt. Der Kibo ist technisch einer der leichtesten hohen Berge. Ideal um seine ersten Erfahrungen mit Sauerstoffmangel zu machen. Reizvoll ist auch, dass er ein alleinstehender Berg ist. Jeder Höhenmeter muss erarbeitet werden. In anderen Gebieten auf dem Globus hat man es sicher leichter, da die Ausgangshöhen teilweise deutlich höher liegen.
GM / Wie hast Du Dich auf den Kibo vorbereitet?

SEBASTIAN / Zu meinem TaeKwonDo-Training, zweimal wöchentlich, bin ich drei Mal die Woche für jeweils ein paar Stunden stramm marschiert. Damit habe ich zirka acht Wochen vor dem Flug begonnen. Mit meinem gepackten Tagesrucksack habe ich meinen Bewegungsapparat auf die bevorstehende Belastung vorbereitet.

GM / Man fliegt ja nun nicht einfach nach Afrika und marschiert dann den Berg hinauf. Wie läuft ein Trip zum Kilimandscharo in punkto Buchung, Gebühren und so weiter normalerweise ab?

SEBASTIAN / Ich gebe zu, ich habe den Trip ziemlich übers Knie gebrochen und gerade mal zwei Monate vor Antritt der Reise gebucht. Sinnvoll ist es sicher den Flug einige Monate im Vorfeld zu buchen. So können ordentlich Kosten gespart werden. Kritisch war das Thema Impfschutz, da ich einigen Nachholbedarf hatte. Hier empfehle ich auf jeden Fall eine gezielte Beratung beim Facharzt.
Der Kibo kann nur über eine vor Ort ansässige Agentur bestiegen werden. Das ganze Gebiet steht unter Naturschutz. Aus diesem Grund wird jeder Besuch von der Nationalparkbehörde genehmigt. Ein Alleingang ist nicht möglich, weshalb in der Regel auf die Führer der Agenturen zurück gegriffen wird. Die eigentliche Besteigung kostete zirka 2.000 Euro. Eine Rolle spielt auch die Tourenwahl. Daran ist die Anzahl der Tage am Berg geknüpft. Ich rate hinsichtlich der Sicherheit am Berg und der Nachhaltigkeit, vor allem bei der Bezahlung der einheimischen Träger, eher davon ab, ein Schnäppchen zu buchen.

GUT
GEPLANT

GM / Der Aufstieg wird allgemein als technisch nicht sehr schwierig beschrieben. Dennoch hat der Aufstieg seine Tücken. Wie hast Du den Aufstieg erlebt?

SEBASTIAN / Für mich persönlich konnte es sicher nicht besser laufen. Ich hatte einen einzigen Tag mit Kopfschmerzen bei einer Etappe zur Akklimatisierung. Neben dem Sauerstoffmangel kann auch die Nahrungsumstellung am Berg, sowie die hygienischen Umstände zum Problem werden. Von insgesamt acht Gruppenmitgliedern war ich tatsächlich der einzige ohne Beschwerden. Sicher ein Glücksfall.
GM / Der Moment, als Du den Gipfel erreicht hast. Was war Dein erster Gedanke und wie hast Du den Gipfel erlebt?

SEBASTIAN / Ich war sehr glücklich und dankbar. Der Gipfelanstieg war der Hammer. Ich wäre vor Energie fast geplatzt, und hatte tatsächlich Sorge, dass etwas nicht stimmt. Gedanklich war ich bei zwei mir extrem liebe Menschen, mit denen ich gerne meine Gefühle geteilt hätte.
GM / Wer hoch geht, muss auch wieder runter. Wie unterscheidet sich der Abstieg vom Aufstieg?

SEBASTIAN / Diese Frage finde ich sehr gut, da das Thema selten zur Sprache kommt. Grundsätzlich ist man im Aufstieg motiviert, in der Regel fit und auf das Ziel, der Gipfel, fokussiert. Steht man oben ist das Ziel erreicht. Jetzt beginnt die Arbeit. Gerade die Beinmuskulatur muss jetzt eine sehr ungewohnte Muskelarbeit verrichten. Diese Beanspruchung, nach einem bereits kräftezehrenden Gipfelanstieg, darf nicht unterschätzt werden. Die Erschöpfung lässt einen unachtsam werden, und die Trittsicherheit schwindet. Extrem viele Bergunfälle passieren beim Abstieg. Hinzu kommt, dass es beim Bergsteigen in diesen Höhen in der Regel sicherer ist, möglichst weit abzusteigen, um möglichen Höhenkrankheiten entgegen zu wirken. Das heißt, ich bin nach dem Gipfelerfolg, am selben Tag den halben Weg nach unten abgestiegen. Eine letzte Nacht auf dem Kibo und dann zum Bergfuß.
GM / Thema Komfort: Wie sieht die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, wie z. B. Schlafen, Essen, Körperhygiene und so weiter aus?

SEBASTIAN / Das ist sicherlich individuell sehr verschieden. Ich habe mich bewusst für eine Tour mit Zeltübernachtungen entschieden. Wichtig sind ein passender, warmer Schlafsack und eine gute Isomatte. Auf Grund der Höhenanpassung ist es essentiell, überdurchschnittlich viel zu trinken. Ich bin auf mindestens vier Liter am Tag gekommen. Das heißt nachts raus aus dem Zelt. Auf Grund der Höhe leidet auch die Schlafqualität. Da die komplette Ausrüstung von Trägern hinauf transportiert wird, hat es an nichts gemangelt. Sehr gutes und frisches Obst, eine Art Porridge zum Frühstück, Eier, Ingwertee, Nudeln und viele andere Sachen. Unterm Strich: abwechslungsreich, frisch und gesund. Allerdings ist das sicher auch vom Veranstalter abhängig. Ein Schälchen Wasser am Morgen und am Abend muss ausreichen. Der Toilettengang erfolgt auf mehr oder weniger sauberen Plumpsklos. Beziehungsweise im Freien. Allerdings ist das auf Grund der Anzahl der Menschen sehr bedenklich, da die Wassergewinnung aus Gewässern am Berg erfolgt. Außerdem wäre in kurzer Zeit der ganze Berg verunreinigt – sehr unschön.
GM / Der Kibo wird von vielen Touristen mit einer Wandertour verwechselt. Welche Erfahrungen mit anderen 'Bergsteigern' haben Dich erheitert oder irritiert? Hast Du den Klassiker 'Reife Dame in Flipflops' erlebt?

SEBASTIAN / Ja leider! Ich glaube, ich habe alle Klischees erlebt. Untrainierte Touristen mit Sauerstoffmasken, extrem dehydriert und unterzuckert, absolut untauglich ausgerüstet – sprich: das ganze Programm. Fehlt nur noch, dass sich die Menschen vom Führer den Berg hoch tragen lassen.

KEIN
SPAZIERGANG

Ich denke, dass man sich selbst betrügt, wenn man derartig einen Berg besteigt. Außerdem gefährdet man auch die Gesundheit derjenigen, die einem notfalls zur Hilfe kommen. Ein Positivbeispiel hingegen war zum Beispiel ein über 60-jähriger erfahrener Alpinist in meiner Gruppe. Er hat sich gesundheitsbedingt gegen die letzte Etappe zum Gipfel entschieden. Trotzdem hatte er sehr viele wunderbare Erlebnisse auf dem Trip und kann zurecht stolz auf seine Leistung sein. Hut ab! Sehr wahrscheinlich hätte er den Gipfel erreicht. Aber er hätte auch mit seiner Gesundheit gespielt. Ich bin mir sicher, dass er weiterhin die eine oder andere Bergtour unternehmen wird.
Der Mount Everest steht übrigens nicht auf Sebastians To-Do-Liste. Zu viele Menschen in langen Warteschlagen, zu wenig Ruhe. In den nächsten Monaten stehen heimische Routen, wie zum Beispiel die Watzmann Ostwand und der Jubiläumsgrat zwischen Zugspitze und Alpspitze auf dem Programm. Wir sind gespannt und freuen uns auf ausführliche Berichte und atemberaubende Bilder. 
Zwei Buchtipps hat er auch noch für uns: 'Bergsteigen, Safari, Trekking am Kilimanjaro, Tanzania' von Peter Rotter und 'Kilimanjaro - Tanzania - Safari - Sansibar' von Tom Kunkler. 

Der Berg
ruft

 
 
Marc Wirtz
 
06.2018